30 Jahre leben lernen – wie wir wurden, was wir sind
Was 1996 mit 24 Menschen und einer zunächst provisorischen Wohnstätte auf dem Gelände des Evangelischen Krankenhauses Königin Elisabeth Herzberge begann, ist heute ein vielfältiges Angebot für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf. 30 Jahre leben lernen stehen für fachliche Entwicklung, Veränderung und vor allem für Menschen, die gezeigt haben, was möglich wird, wenn Unterstützung konsequent an ihren Bedürfnissen ausgerichtet wird.
Vorausgegangen war das Projekt „leben lernen“. Seine Aufgabe bestand darin, Menschen mit Behinderungen, die nicht mehr krankenhausbehandlungsbedürftig waren, auf ein Leben außerhalb der Klinik vorzubereiten. Für die meisten gelang der Übergang in bestehende Wohnangebote, für einige jedoch nicht. Diese Menschen galten aufgrund ihrer herausfordernden Verhaltensweisen als „nicht vermittelbar“. Für sie gab es keinen passenden Wohnplatz.
Diese Situation war 1996 der Ausgangspunkt für die Gründung der EDKE Wohnstätten gGmbH, die erste Einrichtung der Behindertenhilfe des Evangelischen Diakoniewerks Königin Elisabeth (EDKE). Haus 10 auf dem Krankenhausgelände wurde zur ersten Wohnstätte für 24 Menschen. Ursprünglich war sie nur als Übergangslösung für drei Jahre gedacht. Doch aus dem Provisorium wurde ein Zuhause für sieben Jahre.
Vieles war damals noch sehr einfach gehalten. Es gab Zwei- und Dreibettzimmer, eine gemeinsame Küche und ein Wohnzimmer. Gleichzeitig entstanden Freiräume, die heute selbstverständlich erscheinen. Persönliche Gegenstände waren zugänglich, der Garten konnte ohne Zäune und verschlossene Türen genutzt werden, und auch Haustiere gehörten in einigen Wohngruppen zum Alltag. Es gab Spaziergänge, Ausflüge und erste Reisen an die Ostsee. Für fast alle Bewohnenden war es der erste Urlaub ihres Lebens.
Auch Beschäftigung gehörte von Anfang an dazu. Bereits ab 1994 entstand in Haus 17 ein Tagesförderbereich. Dort wurden Materialien bearbeitet, Produkte hergestellt und Arbeitsschritte so gestaltet, dass jede Person ihren Beitrag leisten konnte. Aus Bettlaken entstanden Flickenteppiche, aus Altpapier wurden Glückwunschkarten. Die Beschäftigung fand an einem anderen Ort und mit anderen Personen statt, im sogenannten zweiten Milieu.
Die Arbeit mit Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen und herausfordernden Verhaltensweisen prägte leben lernen nachhaltig. Die intensive fachliche Auseinandersetzung führte zu einer besonderen Expertise. Gleichzeitig wurde deutlich, wie groß der Bedarf an entsprechenden Wohn- und Beschäftigungsangeboten war. Immer wieder gab es Anfragen von Angehörigen, Kliniken, Beratungsstellen und anderen Einrichtungen.
1999 entstand mit Haus 12 die erste nach den damaligen baulichen Standards errichtete Wohnstätte. Acht Menschen bezogen eigene Zimmer und teilten sich Wohnzimmer, Küchen und Außenbereiche. Mit dem Haus auf der Halbinsel Stralau gelang 2003 schließlich der entscheidende Schritt weg vom Krankenhausgelände und hinein in ein Wohngebiet. 40 Menschen konnten dort ein neues Zuhause finden.
Dabei blieb ein Gedanke zentral: Die Menschen, die bei leben lernen wohnen, haben ein Wohnrecht auf Lebenszeit. Gerade für Menschen, die in ihrem Leben immer wieder den sogenannten „Drehtüreffekt“ zwischen Wohngruppe und Psychiatrie erlebt hatten, bedeutete dies Sicherheit. Eine Krise sollte nicht automatisch den Verlust des eigenen Zuhauses bedeuten.
Unterstützung bedeutete deshalb von Anfang an auch Sicherheit, Förderung und verlässliche Beziehungen. Orientierung und Grenzen sowie die Akzeptanz von Individualität wurden zu wichtigen Grundsätzen der Arbeit. Dies spiegelt sich auch in unserem Claim „Hier bin ich Ich“ wider.
Die Entwicklung von leben lernen verlief immer im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen. Mit dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 wurden die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen und die Orientierung im Sozialraum noch stärker zum Maßstab.
Mitten im Kiez entstanden Förderbereiche in kleinen Gewerbeeinheiten. Offene Türen und die bekannten lila Bänke wurden zu sichtbaren Zeichen dafür, dass Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen mitten in der Nachbarschaft ihren Platz haben. Kooperationen mit Geschäften und Gewerbetreibenden machten Inklusion im Alltag erlebbar. Aus der internen Tagesstruktur wurde ein Angebot, das auch Menschen aus anderen Einrichtungen und aus dem familiären Umfeld offenstand. Heute ermöglichen zahlreiche arbeitsweltorientierte Beschäftigungs- und Förderbereiche (BFB) sinnvolle und wertschätzende Tätigkeiten.
Auch beim Wohnen wurden neue Wege beschritten. Zwei Außenwohngruppen boten Möglichkeiten jenseits der klassischen Wohnstätte. Im Inklusiven Gemeinschaftshaus am Mirbachplatz leben seit 2017 Menschen mit und ohne Behinderungen unter einem Dach, mit dem Ziel eines nachbarschaftlichen Miteinanders. Damit wurde inklusives Wohnen auch für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf umgesetzt.
2021 nahm das inklusive Bildungsinstitut seine Arbeit auf und reagiert auf eine Lücke, die sich in der Praxis deutlich gezeigt hatte: Auch Erwachsene mit hohem Unterstützungsbedarf brauchen Bildungsangebote und Möglichkeiten, ihre Interessen und Rechte einzubringen.
2024 wurde das EDKE der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal zugelegt. Damit ist leben lernen eine 100 % Tochtergesellschaft der Stiftung.
Seit 2026 arbeitet der BFB-Standort in der Falkenberger Straße als Innovationslabor und entwickelt neue, praxisnahe Lösungen für den Alltag.
30 Jahre nach der Gründung ist die leben lernen gGmbH – im Verbund der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal ein soziales Unternehmen, das in vier Berliner Bezirken vertreten ist. An vier Standorten bietet es 116 Menschen Wohnangebote und ermöglicht 180 Beschäftigten eine sinnstiftende Arbeit in zwölf Beschäftigungs- und Förderbereichen. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen 322 Mitarbeitende. (Stand: September 2026)
Vieles ist inzwischen selbstverständlich geworden, was früher ein großer Schritt war: ein eigenes Zimmer, Urlaub am Meer, Wohnen und Arbeiten mitten im Kiez, Bildung und Mitbestimmung.
Unser Name besteht bewusst aus zwei Verben. Bei leben lernen geht es ums Tun. Es geht um Ausprobieren, Erfahren und Verändern. Leben lernen heißt, Teilhabe zu ermöglichen und Menschen dabei zu unterstützen, ihr eigenes Leben zu gestalten. Im Vertrauen darauf, dass Entwicklung immer möglich ist.
Nach 30 Jahren ist die Geschichte von leben lernen noch lange nicht abgeschlossen. Auch in Zukunft werden wir unsere Angebote an den Bedarfen von Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf ausrichten. Dabei haben wir vor, auch für Menschen mit fetaler Alkoholspektrumstörung passende Unterstützungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Mehr Einblicke in unsere Geschichte und in die Frage, wie wir wurden, was wir sind, bietet das Buch „leben lernen statt »nicht vermittelbar«“, das 2019 bei der Edition Falkenberg erschienen ist und über unsere Geschäftsstelle bezogen werden kann.
Kontakt: info@lebenlernen-berlin.de I 030 509 322 201