Die Zopfträgerin ohne Zopf

Geschichte

Wohngruppe 3

Der Regen hatte den Waldboden aufgeweicht, sodass die Blätter und Zweige unter meinen Füßen nachgaben, ohne zu knacken. Das Laub war ein dicker, feuchter Teppich und meine Schritte schmatzten, als ich tiefer und tiefer in den Wald ging.
Ich hatte keine Ahnung, wie ich an diesen Ort gekommen war, trottete aber weiter, bis ich das Ende des Waldes erreichte. Von Bäumen ungehindert, beleuchtete der Mond die Lichtung und ließ einen großen Turm erkennen. Neugierig, wie ich von Natur aus bin, machte ich mich auf den Weg. Es regnete immer noch, ich war total durchnässt und mir war kalt.
Ich stand nun direkt vor dem Turm und schaute an ihm empor. >Wie hoch mag der nur sein< fragte ich mich?
Elf, Bullaugen ähnliche, Fenster konnte ich erkennen und direkt unter dem Dach des Turms ein riesiges, zwölftes Fenster. Ich wollte gerade um den Turm herumlaufen, um eine Tür zu finden, als plötzlich ein geflochtener Zopf in der Farbe LILA aus Fenster Nummer zwölf herab gelassen wurde. Ich erschrak und dann gleich noch mal, als eine Stimme rief
> trau Dich, komm zu mir hoch! < Ich schaute nach oben, konnte aber niemanden erblicken. Ängstlich rief ich > Wer ist da? < und bekam prompt zur Antwort > Hab keine Angst, komm zu mir hoch. Du wirst sehen, es wird sich lohnen! <
Merkwürdig dachte ich mir, immerhin hatte ich ja auch weiterhin keine Ahnung wie ich hier überhaupt hergekommen war. Nun gut, ich nahm also all meinen Mut zusammen und ergriff den Zopf und begann zu klettern. Merkwürdig dachte ich erneut, das geht ja viel zu einfach. Ruck zuck war ich schon auf Höhe des ersten Bullauges. Ich schaute hinein. Der ganze Raum war in schwarz gehüllt. Nur an der gegenüberliegenden Wand konnte ich ein sanft lila leuchtendes Bild entdecken, auf dem ein einzelnes Wort stand. > Liebevoll < Ich kletterte weiter und erreichte das zweite Bullauge. Auch hier bot sich mir das Bild des schwarzen Raumes mit einem einzigen Bild an der Wand. Ebenfalls mit der Farbe lila angeleuchtet stand dort > Effektiv Beginn < >Ehrlichkeit < > Normalität < Loyalität <>Eigenbestimmung < > Respekt < > Nestwärme < Einheitlich < und letztendlich, im elften und letzten Bullauge > Nächstenliebe < waren die Worte die ich zu sehen bekam.
Was das wohl zu bedeuten hat, dachte ich bei mir und zog mich weiter nach oben, um in den letzten Raum schauen zu können. Meine Neugier ließ mich fast platzen.
Als ich ihn schließlich erreicht hatte, traute ich meinen Augen nicht. Soweit ich schauen konnte, erstreckte sich eine saftig grüne Wiese. Die Sonne schien und überall waren glückliche Menschen zu sehen. Da entdeckte ich die Trägerin des Zopfes und – seltsam – sie kam mir bekannt vor. Ich wollte gerade auf sie zugehen, als ich von jemand aufgehalten wurde. > Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast < sagte er und lächelte mich an.
Gerade als ich antworten wollte, hörte ich ein lautes Geräusch. > Guten Morgen < sagte eine mir vertraute Stimme. Ich öffnete die Augen und sah die Zopfträgerin – nur trug sie gar keinen lila Zopf mehr, sondern sah so aus wie immer in letzter Zeit. Sie lächelte mich an und sagte > Dann wollen wir mal wieder, die Sonne scheint, es ist ein schöner Tag. < Jetzt musste auch ich lächeln und bevor ich unter die Dusche ging, warf ich noch einen Blick auf die Zopfträgerin ohne Zopf und dachte < Träumen ist schön, aber aufwachen noch viel schöner. Hier – in meinem zuhause - darf ich ich sein und hier bin ich wirklich ich.

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